"Don't talk - just type." – Wie wir das Reden verlernen

Telefonieren: Für viele bereits unhöflich (Photo by iStockPhoto)

Telefonieren: Für viele bereits unhöflich (Photo by iStockPhoto)

"Unangekündigte Anrufe werden mitunter sogar als invasiv gewertet" schrieb der ORF am 11.01.2016. Auf Smartphones wird heute lieber getippt als geredet. Doch welche Auswirkungen hat das auf unser Kommunikationsverhalten? Dieser Frage bin ich in diesem Blogartikel nachgegangen.

Nicht nur die Jugend ist von Instant Messaging besessen. Die BBC schrieb am 7. Jänner 2015, dass über Whatsapp täglich 30 Mrd. Nachrichten versendet werden: 4 pro Erdenbürger, 42 pro WhatsApp User. Der Rekord liegt bei 64 Mrd. an einem Tag. Die  Die US-amerikanische Soziologin Sherry Turkle interviewte für Ihr Buch "The Power of Talk in the Digital Age" junge Menschen zu Ihrem Kommunikationsverhalten. Dabei fand sie heraus, dass Jugendliche gerade deswegen so gerne chatten, weil man im Gegensatz zum direkten Gespräch nicht sofort antworten muss. So behält man leichter die Kontrolle über das Gespräch.

Was gehört eigentlich alles zur zwischenmenschlichen Kommunikation?

Stellen wir uns zwei Menschen vor, die sich gegenüber sitzen, und miteinander reden. Folgende Faktoren machen dabei die zwischenmenschliche Kommunikation aus (neben dem eigentlich Gesprächsinhalt):

  • Kleidung und äußere Erscheinung (gepflegt/ungepflegt, wohl-/übelriechend, ...)
  • Gestik
  • Mimik
  • Betonung
  • Stimmlage
  • Lautstärke
  • Sprechgeschwindigkeit
  • Location / Ambiente / Uhrzeit

Sie glauben nicht, dass die Kleidung zur Kommunikation beiträgt? Dann versuchen Sie mal, dreckig und ungepflegt ein Konto zu eröffnen. Sie werden vermutlich die selben Worte zur Dame am Schalter sagen, aber sie werden etwas völlig anderes bedeuten. Genauso spielen Location und Ambiente eine Rolle bei der Interpretation von Aussagen. "Ich hol mir einen Kaffee" kann um 3 Uhr morgens in einem Club "Ich habe zuviel getrunken, ich steige um auf Anti" und nachmittags im Büro "Ich mach mal  kurz Kafeepause" bedeuten. Deswegen ist die Theorie, dass unsere Kommunikation nur zu einem Bruchteil aus den eigentlichen Wörtern besteht, gar nicht mal so falsch. Natürlich müssen wir die Sprache sprechen, damit wir am Gespräch teilnehmen können (viele behaupten ja, dass diese Theorie nicht stimmen kann, denn sonst würde man ja einen dänischen Film im Großen und Ganzen verstehen – was natürlich Schwachsinn ist.). Aber sobald wir verstehen, was gesagt wird, interpretieren wir die Aussagen aufgrund der oben angeführten Faktoren.

Die vier Seiten einer Nachricht...

Wenn man sich mit der zwischenmenschlichen Kommunikation befasst, kommt man nicht an Friedemann Schulz von Thun vorbei. Sein Werk "Miteinander reden" sollte zur Pflichtlektüre in jeder Oberstufe gehören. Wahrscheinlich würden wir uns dadurch viele Missverständnisse ersparen. Ich möchte hier kurz auf seine Theorie eingehen, dass jede Nachricht vier Seiten hat.

Die vier Seiten einer Nachricht

Die vier Seiten einer Nachricht

... anhand eines Beispiels

Ein Beispiel: Eine Frau sagt zu Ihrem Mann: Ich mag heute keine Pizza. Auf der Sachseite bedeutet diese Aussage einfach: Ich mag heute keine Pizza. Auf der Beziehungsebene aber heißt diese Nachricht: Du weißt genau, dass ich gerade eine Diät mache. Auf der Selbstoffenbarungsseite bedeutet sie: Hilf mir doch bitte bei meinem Vorhaben! Und auf der Appellseite: Rede gefälligst nicht von Pizzen während ich Diät mache!

Die Entscheidung, welche der vier Seiten man hört (oder hören will), wird zum Einen aus den oben beschriebenen Faktoren Kleidung, Sprechgeschwindigkeit etc. und zum Anderen aus der Beziehung der beiden Gesprächspartner zueinander getroffen.

Das Problem mit Instant Messaging

Wenn wir Face-to-Face miteinander reden, können wir aus dem vollen Repertoire unserer kommunikativen Fähigkeiten schöpfen. Wir sehen Gestik, Mimik, Kleidung etc. Wenn wir miteinander telefonieren, haben wir zumindest noch die Faktoren Sprechgeschwindigkeit, Tonalität etc. Beim Instant Messaging haben wir davon nahezu gar nichts mehr. Was bleibt sind Wort und Emoticon. Ich höre nicht, ob der Gesprächspartner gerade in einer Disko oder am See ist. Ich weiß nicht ob er weint, lacht – oder vor lachen weint.

Das Problem wird noch gravierender, wenn man zu diesem ohnehin schon sehr schlechten Kommunikationskanal dann deswegen greift, weil man eine spontane Antwort scheut. Denn eine spontane Antwort scheut man immer dann, wenn man Angst hat, das Falsche zu sagen. Durch dieses Verhalten verlernen wir das Reden untereinander. Es kommt zu Missverständnissen und dem bekannten "aneinander-vorbei-reden". Auch verlernen wir dadurch, zwischen den Zeilen zu lesen. Denn zwischen den Zeilen gibt es keine Wörter. Da gibt es Mimik, Gestik, ...